Parasitosen
Steigende Temperaturen führen dazu, dass sich Parasiten mittlerweile bereits auf über 2.000 m Seehöhe gut entwickeln und sich dadurch der Infektionsdruck bis zum Herbst hin deutlich erhöht. Besonders überraschend bei eigenen Untersuchungen in der Region Großglockner war der Nachweis des wärmeliebenden Roten Magenwurmes (Haemonchus contortus) bis auf rund 2.500 m Seehöhe. Dieser Parasit lebt im Labmagen von Wild- und Hauswiederkäuern, ernährt sich von Gewebeteilen und saugt Blut aus der Labmagenschleimhaut. Dadurch kommt es zu großen Blutverlusten und Blutarmut (Anämie). Neben dem Roten Magenwurm können der Große und Kleine Leberegel recht leicht zwischen Haus- und Wildwiederkäuern übertragen werden. Die allermeisten anderen Parasiten haben jedoch eine hohe Wirtspezifität und parasitieren somit nur an oder in einer Tierart.
„Gamsblindheit“
Die infektiöse Keratokonjunktivitis (IKK, Lidbindehautentzündung) ist die häufigste Augenerkrankung der Haus- und Wildwiederkäuer. An IKK, die beim Schaf weltweit vorkommt, erkranken auch Gams- („Gamsblindheit“), Stein- und Muffelwild. Als krankheitsauslösende Faktoren gelten Fliegen, Staub und intensives Sonnenlicht. Anfänglich sind Tränenfluss, verstärktes Blinzeln, Lichtscheue und eine Lidbindehautentzündung, die häufig spontan abheilt, charakteristisch. Das zweite Stadium ist durch eine beginnende Hornhautentzündung gekennzeichnet. Im dritten Stadium sind eine eitrig-schleimige Lidbindehautentzündung, Trübung der Hornhaut und starker Tränenfluss zu erkennen. Das vierte Stadium kann nach dem Aufbrechen von Hornhautgeschwüren und Ausrinnen des Kammerwassers zum Erblinden führen. Die IKK ist hoch ansteckend und wird durch direkten Kontakt oder über die Augen besuchenden Insekten auch zwischen Schafen, Ziegen, Gams- und Steinwild übertragen. Hier ist auch der Klimawandel von Bedeutung. So waren im Zuge des Gamsblindheits-Seuchenzuges in den Niederen Tauern in den Jahren 2006 und 2023 noch im November Fliegen in Seehöhen von über 1.800 m zu beobachten. Der Erreger der IKK ist auch auf Menschen übertragbar, was wir bei zwei Kindern, die Schafkontakt hatten, aufklären konnten. Quarantänemaßnahmen bei Zukauftieren sowie Auftriebs- und Ankaufsuntersuchungen können verhindern, dass die Krankheit in Schafbestände eingeschleppt wird.
Blauzungenkrankheit
Der aktuelle Ausbruch in Europa wird durch den Serotyp 3 (BTV-3) hervorgerufen, welcher schwere Symptome verursachen kann. Besonders bei Schafen ist mit hohen Ausfällen zu rechnen. Empfängliche Tierarten sind Hauswiederkäuer, Lamas, Alpakas, Zoo- und Wildwiederkäuer, wie Reh-, Rot-, Muffel- Gams- und Steinwild, wobei klinische Symptome am ehesten beim Muffelwild zu erwarten sind. Die Blauzungenkrankheit wird durch Gnitzen (Bartmücken) übertragen, eine einmal infizierte Gnitze bleibt lebenslang infektiös. Gnitzen nehmen das Virus über das Blut eines infizierten Tieres auf, nach einer Virusvermehrung in der Gnitze wandert es in die Speicheldrüse des Insekts und kann von dort in das nächste empfängliche Tier übertragen werden. Infektiöses Virus sammelt sich insbesondere unter der Haut an und kann somit wieder leicht von Mücken aufgenommen werden. Durch warmes Wetter kann der Zeitraum der Übertragung verlängert werden. Als Virusreservoir gelten vor allem Rinder und Wildwiederkäuer. Gnitzen können durch Wind bis zu 200 km verfrachtet werden (!). Muffel- und Gamswild hat häufig einen bläulich pigmentierten Lecker, ein solcher ist nicht als Krankheitssymptom zu werten!
Moderhinke
Die Moderhinke oder Klauenfäule ist eine schmerzhafte, bakterielle Klauenerkrankung, die durch zwei Bakterienarten verursacht wird und vorwiegend nach längeren Regenperioden im Spätsommer und Herbst bei Schafen, Ziegen, Steinwild und Mufflons auftritt. Erst das Zusammenwirken der beiden Bakterienarten in sauerstofffreiem Milieu (Hornklüfte der Klauen, Zwischenklauenspalt, ausgewachsene Schalen) bewirkt tiefgreifende, meist übelriechende Entzündungen der Klauenlederhaut, die bis zum so genannten „Ausschuhen“, also der vollständigen Loslösung des Klauenhorns vom Klauenbein führen kann. Besonders an Salzlecken kann es zur Übertragung zwischen Haus- und Wildtieren kommen.
Pest der kleinen Wiederkäuer
Nach einem Erstausbruch dieser bislang exotischen Tierseuche 2018 in Bulgarien und Fällen im Sommer 2024 in Griechenland und Rumänien ereignete sich Ende Jänner 2025 ein Ausbruch in Ungarn nahe der Grenze zu Slowenien und Österreich. Die Pest der kleinen Wiederkäuer ist eine hochansteckende akute, hoch fieberhaft verlaufende Virusinfektion der Schafe und Ziegen und vereinzelt von Wildwiederkäuern, wie Rot-, Stein- oder Gamswild. Sie gilt als „Geißel der ländlichen Haushalte“ in Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und des Mittleren Ostens. Wildtiere können als „Brückenwirte“ die Erkrankung verbreiten. Für Menschen ist die Krankheit ungefährlich. Es ist einerseits zu hoffen, dass die Pest der kleinen Wiederkäuer sich in Europa nicht ausbreitet und sie andererseits auch nicht auf Schalenwildpopulationen überspringt. Dabei könnten betroffene Wildbestände ein ähnliches Schicksal wie die Saiga-Antilopen erleiden. Beim Seuchenzug 2018/19 verendeten in Kasachstan Tausende Antilopen an dieser Seuche.
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