Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat deutliche Zweifel daran geäußert, dass die europäische Landwirtschaft unter einem Mangel an Pflanzenschutzmitteln leidet. Die Warnung vor einer abnehmenden Wirkstoffvielfalt sei eine „Legende“, die einer Faktenprüfung nicht standhalte, erklärte der Verband am Donnerstag (5.2.). Der Industrieverband Agrar (IVA) wies diese Darstellung umgehend zurück.
Laut einem neu veröffentlichten „Faktencheck“ des BUND sind in den vergangenen Jahren zwar einzelne Wirkstoffe vom Markt genommen worden. Gleichzeitig sei jedoch die Zahl der in Deutschland zugelassenen Pflanzenschutzmittel-Anwendungen gestiegen. Dass bestimmte Wirkstoffe nicht erneut zugelassen würden, liege in den meisten Fällen nicht an behördlichen Verboten, sondern daran, dass die Hersteller keine entsprechenden Anträge auf Wiederzulassung gestellt hätten.
Nach Angaben von Faktecheck-Co-Autor Lars Neumeister spielen dabei häufig wirtschaftliche Gründe eine entscheidende Rolle. So sei etwa die Anbaufläche für Kirschen in Deutschland inzwischen so gering, dass sich die Zulassung und Vermarktung entsprechender Pflanzenschutzmittel für die Hersteller kaum noch rechne.
Kein Zusammenhang mit dem Selbstversorgungsgrad
Dem Bericht zufolge besteht zudem kein Zusammenhang zwischen sinkenden Erträgen, dem Rückgang des Selbstversorgungsgrades bei Obst und Gemüse und einem Mangel an Pflanzenschutzmitteln. Der vergleichsweise geringe Anteil der heimischen Obst- und Gemüseerzeugung am Verbrauch sei vielmehr auf höhere Arbeitskosten, jahreszeitliche Einschränkungen im Anbau, die geringe Lagerfähigkeit vieler Kulturen sowie eine ungünstige Verteilung der Fördermittel aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU zurückzuführen.
Corinna Hölzel vom BUND zufolge muss in der Landwirtschaft auf Alternativen zu chemisch-synthetischer Schädlingsbekämpfung gesetzt werden. Beispielsweise auf Fruchtfolgen, Untersaaten und agrarökologische Systeme. Nötig sei etwa eine stärkere Förderung der Biolandwirtschaft.
IVA dementiert Aussagen des BUND
Deutliche Kritik übte der Industrieverband Agrar (IVA) an der methodischen Herangehensweise des BUND. „Eine Aufsummierung zugelassener Wirkstoffe ohne Differenzierung nach Wirkmechanismen und Wirkungsspektren führt zu irreführenden Schlussfolgerungen“, teilte der Verband mit. Ein realistischer Blick auf die Situation im Pflanzenschutz müsse sich an der praktischen Wirksamkeit sowie an der verfügbaren Bandbreite unterschiedlicher Wirkmechanismen für verschiedene Indikationen orientieren und nicht an der reinen Anzahl gelisteter Substanzen.
Gleichzeitig stellt der IVA fest, dass die Zahl der auf EU-Ebene zugelassenen Wirkstoffe tatsächlich seit 2019 deutlich zurückgegangen sei. „Seit 2019 sind 84 chemisch-synthetische Wirkstoffe weggefallen, während kein neuer Wirkstoff dieser Gruppe in der EU zugelassen wurde“, erklärte der Verband.
Zur Aussage des BUND, wonach Zulassungsverluste häufig auf fehlende Anträge der Hersteller zurückzuführen seien, erklärte der IVA auf Anfrage, die Zulassungsanforderungen in der EU seien in den vergangenen Jahren zunehmend komplexer und detaillierter geworden. In Kombination mit dem als besonders rigide geltenden gefahrenbasierten Ansatz der EU bei der Wirkstoffbewertung könne dies dazu führen, dass eine positive Genehmigung von vornherein als unrealistisch eingeschätzt und ein Wiederzulassungsverfahren daher gar nicht erst angestrebt werde.
„Landwirte benötigen dringend ein breiteres, vielfältigeres und innovatives Instrumentarium für den integrierten Pflanzenschutz, um wettbewerbsfähig zu bleiben und Nachhaltigkeit sowie Ernährungssicherheit zu gewährleisten“, forderte IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer.

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