Schmiere ich Honig oder Marmelade auf das Brot? Welches Paar Socken ziehe ich heute an? Was koche ich zum Mittagessen? Jeden Tag treffen wir unzählige Entscheidungen. Schätzungen von Neurowissenschaftlern zufolge sind es täglich etwa 35.000. Viele davon passieren natürlich unbewusst, andere wiederum verlangen unsere volle Aufmerksamkeit. Als ich diese Zahl las, war mir sofort klar, warum wir manchmal entscheidungsmüde sind. Schon die banale Getränkebestellung in einem Restaurant kann überfordern: Saft groß oder klein, pur oder verdünnt, mit stillem Wasser aus der Leitung oder doch mit prickelndem Mineralwasser? Wenn ich mich entschieden habe, folgt nicht selten: „Tut mir leid, diesen Saft haben wir nicht mehr da, welchen wollen Sie stattdessen?“ – „Einfach den ersten, den Sie erwischen, nur verlangen Sie bitte keine Entscheidung mehr.“
Ich bin zwar jemand, der unter Zeitdruck schnell entscheidet, aber zugleich dazu neigt, Entscheidungen aufzuschieben, solange sie nicht unmittelbar notwendig sind. Auch wenn ich mir selbst einrede, dass ich mir noch nicht sicher bin, delegiere ich damit faktisch vieles an Zufall oder Zeit. Kurzfristig kann das entlastend wirken, langfristig verringert es jedoch den eigenen Gestaltungsspielraum. Bei der Wahl eines Getränks mag das folgenlos sein, im Alltag jedoch summieren sich diese aufgeschobenen Entscheidungen zu verpassten Einflussmöglichkeiten. Je mehr wir aktiv entscheiden, desto besser geht es uns dabei. Ein Privileg, das wir nicht vergessen dürfen.
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