Mein BetriebAgrarpolitik und FörderungEröffnung der Wintertagung: „Über-Lebensmittel“ und ihr Wert

Eröffnung der Wintertagung: „Über-Lebensmittel“ und ihr Wert

Eröffneten die 73. Wintertagung: Stephan Pernkopf (Präsident des Ökosozialen Forums), Michaela Kaniber (Bayerische Landwirtschaftsministerin), Norbert Totschnig (Landwirtschaftsminister Österreich).
Quelle: ÖSF/Pöhlmann

Unter dem Titel „Schnäppchenjagd im Feinkostladen – der wahre Preis billiger Landwirtschaft“ rückt die diesjährige Wintertagung die zunehmenden Spannungen rund um Lebensmittelpreise, Produktionskosten und Versorgungssicherheit in den Fokus. Hintergrund sind massive Veränderungen im agrarpolitischen Umfeld, von geopolitischen Krisen über Umbrüche im Welthandel bis hin zu Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit im Inland.

Pernkopf: Preistransparenz entlang der gesamten Lebensmittelkette

Zum Auftakt machte der Präsident des Ökosozialen Forums, Stephan Pernkopf, deutlich, dass die Preisdebatte weder auf Kosten der bäuerlichen Betriebe noch auf dem Rücken der Konsumentinnen und Konsumenten geführt werden darf. „Viele Dinge werden im Supermarkt immer teurer, während bei vielen Bäuerinnen und Bauern immer weniger ankommt. Wenn wir über Lebensmittelpreise sprechen, dann muss daher auch offengelegt werden, wo entlang der Wertschöpfungskette Gewinne entstehen und wer die Last trägt. Wer macht sich ein G’schäft im Geschäft? Von 100 Euro für Lebensmittel landen nur 4 bei den Bäuerinnen und Bauern. Um das Leben wieder leichter zu machen, braucht es Transparenz auf allen Ebenen, von der Produktion bis zum Handel, und auch genaue Kontrollen des Handels durch die Bundeswettbewerbsbehörde“, so Pernkopf. Zudem hielt der Präsident fest: „Lebensmittelversorgung ist auch Sicherheitspolitik. Wer Sicherheit will, muss Sicherheit bieten.“

Kaniber: Ernährungssicherheit braucht Wettbewerbsfähigkeit und umgekehrt

Die Bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus, Michaela Kaniber, unterstrich bei der Eröffnung die europäische Dimension der Debatte. „Ernährungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit sind kein Widerspruch – im Gegenteil. Europas Landwirtschaft kann und muss beides leisten: Dies gelingt nur, wenn wir gemeinsame Standards, faire Handelsbedingungen und eine starke bäuerliche Basis sichern. Nur so bleibt Europa am Weltmarkt erfolgreich und unabhängig in der Versorgung“, betonte Kaniber.

Totschnig: Bäuerinnen und Bauern brauchen Planungssicherheit und Stabilität

Bundesminister Norbert Totschnig hob in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Produktionsstandorts Österreich hervor: „Österreich ist kein Billigproduzent, sondern Qualitätsproduzent mit vergleichsweise kleinstrukturierten Betrieben. Hohe Standards dürfen unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht schwächen, deswegen benötigen unsere Bäuerinnen und Bauern leistbare Betriebsmittel, Bürokratieabbau, wirksamen Pflanzenschutz und Unterstützung bei Investitionen in hohe Tierwohlstandards“, so Totschnig.

Eröffnungstag Agrarpolitik: Der wahre Preis billiger Landwirtschaft

Unter dem provokanten Titel „Schnäppchenjagd im Feinkostladen – der wahre Preis billiger Landwirtschaft“ widmete sich der Eröffnungstag der Wintertagung am 20. Jänner in Wien den zentralen Herausforderungen rund um Agrarpolitik, Lebensmittelpreise und Versorgungssicherheit. Hochkarätige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Handel und landwirtschaftlicher Praxis diskutierten, wie faire Preise entlang der gesamten Wertschöpfungskette, nachhaltige Produktion und soziale Verantwortung in Einklang gebracht werden können.

Agrarpolitik zwischen Weltmarkt und Inflation

Im ersten Block zur künftigen Agrarpolitik stellte Stephan Pernkopf, Präsident des Ökosozialen Forums, klar: „Die Bäuerinnen und Bauern sind nicht schuld an der Inflation.“ Nur rund zehn Prozent der Haushaltsausgaben der Österreicherinnen und Österreicher entfallen auf Lebensmittel – davon landen im Schnitt lediglich 40 Cent bei den Landwirten.

Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), pflichtete Pernkopf bei. Zwar habe die Landwirtschaft einen Anteil an der Inflation, die eigentlichen Preistreiber seien jedoch Energie und Dienstleistungen. Die Landwirtschaft sei in den vergangenen Jahren sogar ein stabilisierender Faktor für die Konjunktur gewesen. Auch wenn die Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel vollständig an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben werde, wie dies in Deutschland der Fall war, dürfe der Effekt auf die Gesamtinflation nicht überschätzt werden.

Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber unterstrich die Bedeutung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und forderte ein eigenständiges, starkes Agrarbudget auf EU-Ebene. Ländliche Räume seien essenziell – nicht nur für die Lebensmittelproduktion, sondern auch für erneuerbare Energien und Lebensqualität. Gleichzeitig brauche Europa mehr Mut zum fairen Freihandel, um seine Wettbewerbsfähigkeit nicht weiter zu verlieren. Deshalb unterstütze sie das EU-Mercosur-Handelsabkommen.

Im Unterschied dazu bekräftigte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig seine ablehnende Haltung zum Freihandelsabkommen und verwies auf die Zugeständnisse, die aufgrund der Kritik in den Vertrag aufgenommen wurden. Totschnig hob zudem die Notwendigkeit einer europaweiten Herkunftskennzeichnung sowie mehr Fairness und Transparenz im Binnenmarkt hervor. Der ökosoziale Ansatz sei „zeitlos und richtig“: Klimaschutz, Biodiversität und Produktion müssten gemeinsam gedacht werden – nicht Produktionsverzicht, sondern klimafreundliche Produktion sei das Ziel.

Steigende Preise – eine Frage der Wahrnehmung und Verteilung

Im zweiten Block ließ Christoph Teller, Professor an der JKU Linz, mit der Forderung „Erhöht die Lebensmittelpreise!“ aufhorchen. In Krisenzeiten greifen Konsumentinnen und Konsumenten verstärkt auf den Preis als „Qualitätsindikator“ zurück. Zwei Drittel achten vor allem auf Aktionen, rund 40 Prozent der Einkäufe in Österreich erfolgen mit Rabatt. Gleichzeitig relativierte Teller: Lebensmittel machen in Österreich rund zehn Prozent der Konsumausgaben aus – fast gleich viel wie die Ausgaben für Freizeit.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig, Wettbewerbsbehörden-Chefin Natalie Harsdorf, Billa-CEO Erich Szuchy und LKÖ-Präsident Josef Moosbrugger wurde die komplexe Gemengelage deutlich: Energiepreise als Ausgangspunkt der Inflation, steigende Löhne und eine ausgeprägte Rabattkultur prägen den Markt. Szuchy bekannte sich klar zur Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um faire Preise und Transparenz sicherzustellen.

Landwirtschaft als Schlüssel zur Krisenresilienz

Peter Vorhofer, Krisensicherheitsberater der Bundesregierung, ordnete die Rolle der Land- und Forstwirtschaft in einem globalen Krisenkontext ein. Zwar gebe es aktuell keine nationale Krise, doch könne sich Österreich globalen Entwicklungen nicht entziehen. Landwirtschaft sei weit mehr als Lebensmittelproduktion: Sie sei eine Resilienzstruktur für die gesamte Gesellschaft – von Landschaftspflege über Katastrophenschutz bis hin zur Sicherung der Grundversorgung.

In der abschließenden Diskussion mit Irene Neumann-Hartberger (Bundesbäuerin), Daniela Morgenbesser (FEM-Agrar Netzwerk) und Claudia Süssenbacher (Raiffeisen Holding NÖ-Wien) stand die Frage im Mittelpunkt, wie Landwirtschaft künftig Stabilität gewährleisten kann. Das Podium betonte die Bedeutung vielfältiger Versorgungssicherheit und die Notwendigkeit, Abhängigkeiten – regulatorische wie wirtschaftliche – zu reduzieren. Landwirtschaft müsse wirtschaftlich tragfähig bleiben, regionale Abnehmerstrukturen gestärkt und das Konsumverhalten stärker auf Regionalität ausgerichtet werden. Fazit: „Ohne Lebensmittel ist alles nichts.“ Ernährungssicherheit müsse als Wert verstanden werden, für den die Gesellschaft auch bereit sein müsse, Verantwortung zu übernehmen. Resilienz beginne mit Bewusstsein und Vorsorge.

Die Wintertagung 2026 läuft noch bis 29. Jänner mit diesen Fachtagen:

21.01.2026: Fachtag Schweinehaltung, HLBLA St. Florian, Fernbach 37, 4490 St. Florian, Oberösterreich

22.01.2026: Fachtag Fischereiwirtschaft, Heffterhof, Maria-Cebotari-Straße 1–7, 5020 Salzburg

26.01.2026: Fachtag Gemüse-, Obst- und Gartenbau, HBLFA Schönbrunn, Grünbergstraße 24, 1130 Wien

27.01.2026: Fachtag Waldwirtschaft, HBLA Bruck/Mur, Dr.-Theodor-Körner-Straße 44, 8600 Bruck an der Mur, Steiermark

28.01.2026: Fachtag Ackerbau, HBLFA Francisco Josephinum, Weinzierl 1, 3250 Wieselburg, Niederösterreich

29.01.2026: Fachtag Grünland- und Viehwirtschaft, HBLFA Raumberg-Gumpenstein, Raumberg 38, 8952 Irdning-Donnersbachtal, Steiermark

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Warenkorb

Der Warenkorb ist leer.
Gesamt: 0,00