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Glyphosat im Abwasser stammt aus Waschmitteln

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Ein Wissenschaftlerteam um die Chemikerin und Umweltanalytikerin Carolin Huhn von der Universität Tübingen hat Hinweise darauf gefunden, dass Glyphosat in Gewässern nicht nur aus der Landwirtschaft, sondern in erheblichem Umfang auch aus kommunalen Abwässern stammt. Nach Einschätzung der Forschenden entsteht der umstrittene Wirkstoff dabei erst in der Kanalisation und in Kläranlagen – aus einem Zusatzstoff, der in handelsüblichen Waschmitteln enthalten ist.

Auslöser für die Untersuchungen waren Messungen in Flüssen und Seen, die fernab landwirtschaftlicher Nutzung liegen und dennoch gleichmäßig über das Jahr hinweg erhöhte Glyphosat-Konzentrationen aufweisen. „Wären landwirtschaftliche Einträge die Hauptquelle, müssten wir deutlich höhere Werte im Frühjahr und Herbst messen, wenn Glyphosat ausgebracht wird“, so Huhn.

Bislang galt die Landwirtschaft als Hauptverursacher von Glyphosat in Gewässern. Zwar räumt Huhn ein, dass dort große Mengen eingesetzt werden, geht jedoch davon aus, dass rund 99 Prozent des Wirkstoffs abgebaut werden. Etwa 40 Tonnen pro Jahr gelangten demnach bundesweit aus der Landwirtschaft in Flüsse und Seen.

Messungen in der Kläranlage Erlangen

Um die Herkunft der Belastung genauer zu untersuchen, analysierte das Team Abwasser-, Sediment- und Gewässerproben in und rund um die Kläranlage Erlangen, eine der modernsten Anlagen Deutschlands. Proben wurden unter anderem im Zulauf, in verschiedenen Reinigungsstufen, im Faulturm sowie im Fluss Regnitz entnommen, in den das gereinigte Abwasser eingeleitet wird.

Nach monatelangen Analysen mittels Elektrophorese und Gaschromatographie kamen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass sich allein in der biologischen Reinigungsstufe der Anlage rund 150 Gramm Glyphosat befinden. „Das entspricht etwa dem Inhalt eines Ein-Liter-Kanisters eines Glyphosatprodukts“, erklärt Huhn.

Diese Menge verbleibe etwa zehn bis 30 Tage in der Anlage und werde anschließend schrittweise in den Fluss abgegeben – rund 28 Gramm pro Tag. Hochgerechnet entspreche dies etwa 60 Ein-Liter-Kanistern pro Jahr, die aus einer einzigen Kläranlage in die Umwelt gelangen.

Waschmittelzusatz DTPMP als Ausgangsstoff

Nach Ansicht der Forschenden stammt dieses Glyphosat nicht aus der Landwirtschaft, sondern bildet sich aus dem Waschmittelzusatz DTPMP (Diethylentriaminpentakismethylenphosphonsäure). Dieser Stoff wird vor allem in flüssigen Waschmitteln, Gel-Tabs und sogenannten Microperls als Entkalker eingesetzt.

Die Kläranlagen und das weitverzweigte Kanalisationsnetz wirkten dabei wie Bioreaktoren, sagt Jörg Drewes, Kläranlagenexperte an der Technischen Universität München. Er hält die Untersuchungen für valide: „Wir haben hier tatsächlich Bedingungen, unter denen sich Glyphosat neu bilden kann.“

Auch Huhn verweist auf die chemische Struktur von DTPMP: „Ein Teil des Moleküls ist deckungsgleich mit Glyphosat. Im sauerstoffreichen Belebungsbecken wird das DTPMP angegriffen – es ist daher nicht erstaunlich, dass sich dort Glyphosat bildet.“

Umwelt- und Gesundheitsdebatte hält an

Glyphosat steht seit Jahren in der Kritik. Einige Studien bescheinigen dem Wirkstoff ein krebserregendes Potenzial, andere sehen Risiken für aquatische Lebewesen und die Nahrungskette. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält die Krebsgefahr hingegen für nicht ausreichend belegt.

Das Umweltbundesamt hat inzwischen einen neuen „gesundheitlichen Orientierungswert“ für DTPMP im Trinkwasser veröffentlicht. Zwar handelt es sich nicht um einen verbindlichen Grenzwert, dennoch könnten Kläranlagenbetreiber unter Handlungsdruck geraten, sollte der Wert überschritten werden.

Der Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) spricht von einem „sehr geringen Beitrag“ der Waschmittel zur Glyphosat-Belastung, legte dafür bislang jedoch keine eigenen Belege vor. Carolin Huhn widerspricht: Ihren Daten zufolge stammt der dominante Anteil des Glyphosats in Gewässern aus Waschmitteln mit DTPMP.

Alternativen für Verbraucher schwer erkennbar

Drewes empfiehlt grundsätzlich, auf DTPMP zu verzichten. Umweltfreundlichere Alternativen seien vorhanden. Für Verbraucher sei dies jedoch kaum umsetzbar, da Hersteller die verwendeten Entkalker nicht transparent auf den Verpackungen kennzeichnen.

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