Der Blick auf Österreichs Ackerbaubetriebe fällt derzeit trostlos aus. Unerträgliche Hitze gepaart mit außergewöhnlicher Trockenheit setzt den Frühjahrskulturen aktuell massiv zu. Wie viel bzw. ob es überhaupt eine Ernte geben wird, bleibt regional spannend. Dabei waren die abgeernteten Winterkulturen ja bereits schon vom Wassermangel gezeichnet und brachten dementsprechend geringe Erträge.
Leider sehen aktuell auch die Erzeugerpreise enttäuschend aus. Die Erklärungen vom Handel kennt jeder: Fehlt es hierzulande an Getreide, so haben die Nachbarländer in der Regel gut geerntet. Oder es liegen die Börsen in Paris oder Chicago zu niedrig. Sind umgekehrt die Erträge bei uns hoch, so heißt es, es sei zu viel Ware da. Für uns Ackerbauern bleibt der Eindruck: Der Preis richtet sich immer gegen uns.

Ein Cent pro Semmel
Wie wenig es bräuchte, um die Bauern entsprechend zu bezahlen, zeigte zuletzt eine Grafik, die in den Sozialen Medien die Runde gemacht hat. Dort waren drei gleiche Semmeln abgebildet mit Verkaufspreisen von 24, 25 und 26 Cent. Bei 24 Cent würden die Bauern den Weizen praktisch herschenken, bei 25 Cent erhalten sie ungefähr den heutigen Preis. Und noch ein Cent mehr würde bereits einen Weizenpreis von rund 400 Euro/t ermöglichen. Aber das geht nicht. Hängen die Bauern doch ausnahmslos am Weltmarkt, oder? Wurde 2024 nicht extra das AMA-Gütesiegel für Getreide geschaffen, um genau das zu vermeiden? Jeder österreichische Landwirt zahlt dabei ungefragt 5 Euro pro ha und Jahr, damit sein Getreide sichtbar und die Herkunft vom Acker bis zum Endprodukt nachvollziehbar wird. Die Nachricht dahinter: Unser Getreide unterscheidet sich von Importware! Aber sollten die Bauern davon nicht auch wirtschaftlich profitieren? Scheinbar nicht.
Viel Ware, wenig Erlös
„Wenn für AMA-Gütesiegel-Getreide am Markt ein zusätzlicher Erlös erzielt werden könnte, würden wir diesen an die teilnehmenden Landwirte weitergeben“, sagt Elmar Weiß von der Raiffeisen Ware Austria (RWA). Voraussetzung dafür sei jedoch, dass das AMA-Gütesiegel entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Konsumenten über Lebensmittelhandel, Bäcker und Mühlen bis zum Agrarhandel – entsprechend nachgefragt und finanziell honoriert werde.
Der Vorteil des AMA-Gütesiegels ist derzeit vor allem die sichtbare Herkunft, und das tue der Branche gut, betont der Marktexperte. Tatsächlich war jedoch auch in der Vergangenheit der Anteil an österreichischem Getreide bei heimischen Verarbeitern sehr hoch.
Aktuell übersteigt die angebotene Menge an AMA-Gütesiegel-Getreide noch die Nachfrage. Viele Verarbeiter unterscheiden kaum zwischen „Herkunft Österreich“ und dem AMA-Gütesiegel. Bei Brotgetreide sei Österreich zudem ein Weizenexportland. Hoch qualitative Partien mit mehr als 14 % Protein – wie sie in den starken Ackerbauregionen Niederösterreichs produziert werden – sind im Inland kaum gefragt und gehen überwiegend nach Italien. Dort spielt das AMA-Gütesiegel – so wie im Export generell – jedoch keine Rolle.
Als Ackerbauer frage ich mich, was mir das Gütesiegel bringt. Ich zahle dafür, beim Preis kommt aber nichts an. Herkunft ist erst dann ein Mehrwert, wenn sie auch bezahlt wird.
Bürokratie für Kleine
Kritik kommt auch von einem kleinen bis mittelgroßen österreichischen Müller, der anonym bleiben möchte. Aus seiner Sicht profitieren vor allem große Unternehmen vom AMA-Gütesiegel. Sie könnten damit ihre Massenware besser vermarkten. Bei der Einführung sei hingegen von der AMA der Eindruck vermittelt worden, dass das Programm insbesondere auch kleinen Mühlen und Bäckern zugutekommen solle. In der Praxis sei der zusätzliche bürokratische Aufwand für die kleineren Betriebe jedoch kaum zu bewältigen. Der Müller nahm Getreide mit dem Gütesiegel nur kurz an, hat die Teilnahme am AMA-Programm mittlerweile wieder beendet. „Solange meine Kundschaft diese nicht ausdrücklich verlangt, werde ich keine neuerliche Teilnahme mehr anstreben.“ Auch einen Mehrpreis für AMA-Gütesiegel-Getreide schließt er aktuell aus.

Gütesiegel schreckt ab
Ähnlich argumentiert ein Getreideaufkäufer, der ebenso nicht namentlich genannt werden möchte. Er berichtet gegenüber dem LANDWIRT, dass er AMA-Gütesiegel-Betrieben bewusst einen niedrigeren Preis anbietet. Damit wolle er verhindern, dass sie ihm entsprechende Ware liefern. „So entgehe ich dem Mehraufwand“, gibt er zu. Für Bauern kann das Gütesiegel damit sogar zum Nachteil werden. Statt mehr Absatzmöglichkeiten entstehen weniger potenzielle Abnehmer.
Wo bleibt der Mehrwert?
Das Fazit ist ernüchternd: Aktuell funktioniert das AMA-Gütesiegel-Getreide nur als Werbung im Fernsehen oder wenn sie auf deinen Zug gepinselt durchs Land fährt. Für die Landwirte hingegen bringt es bislang keinen finanziellen Mehrwert. Sie tragen die Kosten der Teilnahme, können mit dem aktuellen System aber keinen höheren Erlös erwarten. Dabei würde bereits ein minimaler Beitrag je verkaufter Semmel, Brot oder Gebäck, in Summe einen relevanten Mehrerlös für die Bauern ermöglichen. Doch selbst wenn die Semmel morgen einen Cent mehr kosten würde, würde dies nicht gewährleisten, dass dieser Erlös tatsächlich zweckgebunden bei den Landwirten ankommt. „Es fehlt ein klares Vergütungssystem“, erklärt Elmar Weiss und beschreibt eine persönliche Idee als Anstoß, wie ein zukünftiges Modell aussehen könnte: „Man könnte bereits beim Kauf einer AMA-Gütesiegel-Semmel zweckgebunden einen kleinen Betrag abschöpfen und in einem Fonds fließen lassen. Den könnte man später an die jeweiligen Landwirte ausschütten.“
Doch dazu braucht es ein verbindliches Regelwerk. Hier sieht Elmar Weiss unter anderem Politik und AMA gefordert. „Wenn wir der Bevölkerung transparent vermitteln können, dass ein minimaler Beitrag eines jeden, der niemandem wehtut, direkt unseren heimischen Familienbetrieben zugutekommt, dann vergeht deshalb niemandem der Appetit aufs Semmerl.“ Das Gütesiegel hat heimisches Getreide sichtbarer gemacht. Doch Sichtbarkeit bezahlt keine Rechnung. Erst wenn Herkunft einen wirtschaftlichen Wert erhält der beim Bauern ankommt, wird aus dem Gütesiegel mehr als ein Werbegag auf der Verpackung.
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