Das Handelsabkommen mit der lateinamerikanischen Wirtschaftsorganisation Mercosur geht weit über reine Zollsenkungen hinaus. In einer Zeit, in der statt internationaler Regeln scheinbar immer mehr das Recht des Stärkeren gilt, soll es auch ein klares Signal für eine faire und regelbasierte Partnerschaft setzen. So zumindest die Interpretation der Wirtschaft und Politik für die Unterzeichnung des Abkommens nach 26 Jahren Verhandlungen. Die europäische Landwirtschaft sieht dagegen klar einen Handel auf dem Rücken der hiesigen Bauern. Ganz nach dem Motto: Zollfreie Automobilexporte werden mit Agrarkontingenten abgegolten.
Flut mit Rindfleisch?
Vor allem die europäischen Rinderfleischerzeuger sehen ihre Existenz
gefährdet. So senkt das Mercosur-Abkommen für eine jährliche Importmenge von 99.000 t Rindfleisch den Zollsatz auf 7,5 %. Für Übermengen soll weiterhin der bisherige Zollsatz von 59 bis 74 % gelten. Im österreichischen Großhandel kostet das Kilo argentinisches Rinderfilet derzeit rund 61 Euro. Kritiker sagen: Sinken die Zölle um mehr als 50 %, wird der Preis entsprechend fallen. Schlimmstenfalls wären Edelteile aus Südamerika dann um rund die Hälfte billiger als heimische Ware (Österreich: rund 65 Euro/kg Rinderfilet).
Viele befürchten, dass der heimische Rindfleischmarkt mit billiger Importware geflutet wird. In einem Marktumfeld, in dem beispielsweise Österreich mit jährlich rund 200.600 t produziertem Rindfleisch, ohnehin einen Selbstversorgungsgrad von 148 % und damit einen deutlichen Überschuss hat. Deutsche Landwirte haben 2024 mit rund 1 Mio. t etwa 8 % mehr Rindfleisch produziert als konsumiert wurde. Demnach wäre ohnehin gar kein Bedarf an Importware vorhanden.
Befürworter von Mercosur halten dagegen: Das begünstigte Kontingent mache gerade einmal 1/3 der gesamten bisherigen jährlichen Rindfleischimporte in die EU aus und nur 1,5 % der europäischen Produktion. Außerdem betreffe es nur Edelteile. Laut EU-Kommission sei auch nicht zu erwarten, dass die 99.000 t zusätzlich eingeführt würden, sondern sich lediglich aus anderen bereits bestehenden Kontingenten verschieben würden. Aus Brüssel heißt es außerdem: Man rechne durch Mercosur mit zusätzlichen Importmengen von lediglich 0,3 % des EU-Rindfleischverbrauchs, also etwa 12.000 bis 15.000 t. Das alles ist natürlich ein Blick in die Glaskugel.
Geflügelbranche skeptisch
Nachdenkliche Stimmung herrscht auch in der Geflügelbranche. „Südamerikanisches Geflügel landet unter anderem auch bei uns in jenen Absatzkanälen, in denen keine Herkunftskennzeichnung vorgesehen ist. Also in der Gastronomie, der Lebensmittelindustrie und der öffentlichen Beschaffung. Der Preis wird sich tendenziell nach unten entwickeln.“, so Michael Wurzer, Geschäftsführer der Geflügelwirtschaft-Österreich. Er ist sich sicher: „Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung könnte hier ansetzen. Denn das südamerikanische Billig-Huhn wird Ihnen nicht in der Kühlvitrine des Nahversorgers begegnen, sondern still auf den Tellern der Gastronomie Pose beziehen.“ Die 180.000 t zollfreien Tonnen Geflügelfleisch aus Lateinamerika könnten den heimischen Markt tatsächlich unter Druck bringen, sind es doch fast 20 % der bisherigen Geflügelimporte. Durch den Wegfall der Zölle hat das Überseefleisch jedenfalls einen Preisvorteil von
2 bis 4 Euro pro kg zur heimischen Ware. Hier sehen selbst die Befürworter einen Grund für eine erhöhte Marktbeobachtung. Um die heimische Landwirtschaft vor einem Preisverfall zu schützen sieht das Abkommen Quoten für sensible Agrarprodukte wie Rind, Geflügel oder Zucker vor. Deren Einhaltung muss die EU-Kommission regelmäßig überwachen und die Ergebnisse halbjährlich an das EU-Parlament übermitteln.
Kommt es zur Preisunterbietung von mehr als 5 % oder einem Rückgang der Einfuhrpreise um 5 % wird eine Untersuchung eingeleitet. Mit einem Ergebnis ist dann innerhalb von vier Monaten zu rechnen. In dringenden Fällen können innerhalb von 21 Tagen vorläufige Maßnahmen eingeführt werden. Was am Papier plausibel klingt, stößt bei Praktikern auf Kritik. „Die Kunden reagieren heute im Wochenrhythmus und kaufen dort, wo der Preis nachgibt. Die EU müsste binnen zwei Wochen reagieren, nicht nach sechs Monaten.“, erklärt Werner Habermann, Geschäftsführer der Arge Rind. Als weitere Maßnahme sollen EU-Schutzsiegel wie die geografisch geschützte Angabe in Zukunft auch in Lateinamerika gelten.
Chance nützen
Nicht jede Agrarbranche sieht dem Mercosur-Deal negativ entgegen. Abnehmender Alkoholkonsum setzt dem heimischen Weinmarkt zu. Das Freihandelsabkommen ist für Winzer deshalb ein Lichtblick. Betrug der Zoll auf Wein bisher 27 % entfällt dieser beim Export nach Südamerika künftig. Vor allem die Rotweinmärkte Argentiniens und Brasiliens stellen in den Augen von Österreich-Wein-Marketing-Chef Chris Yorke einen neuen Absatzmarkt dar. Auch Christian Schwörer, Generalsekretär Deutscher Weinbauverband steht dem Abkommen positiv gegenüber: „Die Abschaffung der bislang sehr hohen Zölle, der verbesserte Schutz geografischer Angaben sowie vereinfachte Importverfahren stärken die Wettbewerbsfähigkeit deutscher und europäischer Weine nachhaltig.“ Weitere Vorteile könnten auch beim Import von Futtermitteln wie Soja liegen, welche durch das Abkommen günstiger werden dürften.
Abschließend sei gesagt: Die Zukunft unserer Betriebe hängt nicht allein von Zöllen und Importmengen ab. Am Ende bestimmt der Kunde was er kauft.
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