Bei Schaf- und Ziegenpocken handelt es sich um Pockenerkrankungen, die ausschließlich kleine Wiederkäuer betreffen. Für den Menschen sind sie harmlos – für die griechische Landwirtschaft hingegen höchst problematisch: Wird ein Infektionsfall entdeckt, muss der gesamte Bestand eines Betriebs vorsorglich gekeult werden. Laut BBC wurden bislang rund 417.000 Tiere getötet, was vier bis fünf Prozent der landesweiten Herde entspricht. Seit die ersten Fälle im August 2024 im Norden des Landes bestätigt wurden, hat sich die Krankheit auf mehrere Regionen ausgebreitet. Bis Mitte November wurden mehr als 1.700 Infektionen registriert.
Zoll deckt Schmuggel von Impfstoffen auf
Für viele Betriebe bedeutet der Verlust ihrer Tiere existenzbedrohende Einnahmeausfälle, denn ein Großteil der Schaf- und Ziegenmilch fließt in die Feta-Produktion – ein zentraler Exportzweig des Landes. 2023 erzielte Griechenland mit Feta-Ausfuhren einen Wert von 785 Millionen Euro. Zwar gibt es noch keine akuten Lieferengpässe, doch einige Molkereien kämpfen bereits mit sinkenden Milchmengen, berichtet die BBC. Manche Landwirte versuchen mittlerweile, sich über den Schwarzmarkt mit Impfstoffen zu versorgen. So stellten Zollbeamte Mitte Oktober im Ort Kipoi (Region Evros) 1.200 Dosen des türkischen Präparats Poxdoll sicher und nahmen einen 60-Jährigen fest. Ende November wurde ein weiterer Fall bekannt, bei dem 8.000 geschmuggelte Dosen entdeckt wurden.
Behörden warnen vor heimlichen Impfungen
Schätzungen des Nationalen Komitees zur Bekämpfung der Schaf- und Ziegenpocken zufolge könnten landesweit bis zu eine Million nicht genehmigte Impfungen vorgenommen worden sein. Fachleute warnen, dass derartige Maßnahmen das Infektionsgeschehen verschleiern: Es gibt keine serologische Methode, um geimpfte Tiere von tatsächlich infizierten zu unterscheiden, erläuterte Katerina Marinou, stellvertretende Direktorin der Veterinärbehörde.
Regierung lehnt Massenimpfungen weiterhin ab
Trotz der Forderungen vieler Landwirte hält die Regierung an ihrem Nein zu großflächigen Impfprogrammen fest. Das Landwirtschaftsministerium warnt davor, dass Griechenland bei Massenimpfungen als Endemiegebiet eingestuft würde – mit der Folge von Exportbeschränkungen für Milch und Feta. „Können Sie sich vorstellen, was passieren würde, wenn unsere Feta-Ausfuhren eingeschränkt würden?“, sagte Landwirtschaftsminister Kostas Tsiaras Anfang November bei einer Pressekonferenz. „Die Bäuerinnen und Bauern sind verzweifelt“, erklärte ein Tierarzt aus der stark betroffenen Region Thessalien gegenüber der Zeitung Kathimerini. „Sie fragen nach dem jordanischen Impfstoff, und wenn sie den nicht bekommen, wollen sie den türkischen – obwohl sie wissen, dass er den Tieren schaden kann.“ Das in Jordanien hergestellte Jovivac-Präparat ist zwar in EU-Beständen vorhanden, wirkt jedoch weniger gut gegen die in Griechenland grassierende Virusvariante. Der türkische Impfstoff Poxdoll ist in Griechenland nicht zugelassen.
Kritik an Regierung und Landwirten
Sowohl die Behörden als auch die Landwirtschaft stehen wegen ihres Krisenmanagements in der Kritik. Der Regierung wird vorgeworfen, das nationale wissenschaftliche Komitee erst im Oktober – rund 14 Monate nach den ersten Fällen – eingesetzt zu haben. Zudem bemängeln Fachleute fehlende Sperrzonen und eine Überlastung des staatlichen Veterinärdienstes. Den Landwirten wiederum wird vorgehalten, Biosicherheitsmaßnahmen unzureichend einzuhalten. Der Oberste Gerichtshof entschied kürzlich, mögliche Verstöße strafrechtlich prüfen zu lassen. Schaf- und Ziegenpocken sind übrigens nicht nur in Griechenland ein Problem: Auch Bulgarien und Rumänien meldeten bereits Ausbrüche – Massenimpfungen sind dort ebenfalls nicht vorgesehen.
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