Die Shetlandinseln sind eine zu Schottland gehörende Inselgruppe, die den nördlichsten Teil des Vereinigten Königreichs bildet. Anne Doull (41) ist Schafbäuerin auf den Shetlandinseln und lebt mit ihren Eltern, Mutter Margaret (76) und Vater Addie (79) auf der Islesburgh Farm in Northmavine auf dem Mainland, der Hauptinsel der Shetlands. Die Farm liegt 40 km nordwestlich von Lerwick, der Hauptstadt der Shetlandinseln, einem Archipel aus rund 100 Inseln, von denen jedoch nur 16 bewohnt sind.
Im Boot zur Weide
Der kleine landwirtschaftliche Betrieb von Familie Doull liegt inmitten grüner, baumloser Hügel, die von uralten Steinmauern eingefasst sind. Zum Hof gehören rund 600 Schafe und 18 Shetlandkühe mit Nachwuchs. Die Vorfahren dieser Rinder kamen im 8. Jahrhundert mit den Wikingern auf die Insel und wurden dort mit schottischen Rinderrassen gekreuzt.
Es ist eine sehr widerstandsfähige Rasse, die bis Dezember im Freien steht und sich zur Not auch von Algen und Moos ernähren kann. Die Shetlandinseln haben natürlich auch ihre eigene Schafrasse: das Shetlandschaf. Es ist klein, robust, genügsam und gut an die rauen Wetterbedingungen angepasst.
„Nur einige Wochen bevor sie lammen, bekommen sie etwas Getreide“, erzählt Anne. Ansonsten stehen auch die Schafe das ganze Jahr über im Freien und müssen nicht zugefüttert werden. Etwa 400 ha Weideland besitzt Familie Doull.
Auch auf drei der größeren Inseln grast ein Teil ihrer Schafe. Beim Weidewechsel werden die Tiere mit einem kleinen Boot transportiert. Wer sich generell mit der richtigen Rassewahl für seinen Betrieb beschäftigt, findet dazu weiterführende Informationen unter Mehr zum Thema Schafrassen und Betriebsziele.
Schaf mit elf Farben
Das Shetlandschaf ist für sein besonderes Wollkleid bekannt, das es vor der rauen Witterung der Shetlandinseln schützt. Daraus wird eine außergewöhnlich leichte, weiche und feinfaserige Strickwolle gewonnen. Das Stricken mit Schafwolle hat auf den Shetlandinseln bereits seit dem 16. Jahrhundert große Bedeutung.
Strümpfe und Handschuhe fanden bereits unter hanseatischen Händlern und holländischen Fischern regen Absatz. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren Strickprodukte ein wichtiges Einkommen für die Frauen auf den Shetlandinseln. Das änderte sich ab den 1970er-Jahren mit den attraktiven Verdienstmöglichkeiten auch für ungelernte Kräfte in der Ölindustrie.
Zunehmend ersetzten Strickmaschinen die Handarbeit und fertigten Pullover, Schals, Mützen und Handschuhe in den weiterhin beliebten „Fair Isle-Mustern“ an, für die die Shetlandinseln bekannt sind. Die Nachfrage nach Wolle vom Shetlandschaf ließ auch deshalb nach, weil weiße Wolle von der Wollindustrie bevorzugt wird, da sie sich leichter färben lässt. Das Shetlandschaf kommt jedoch in vielen Farben und Mustern vor.
Neben elf Hauptfarben, die vom Rasseverband anerkannt sind, gibt es zahlreiche weitere Farbtöne. Außerdem sind 30 Fellmuster und Markierungen anerkannt, von denen viele in Kombination auftreten können. Einige Farben werden noch heute mit alten Wörtern aus dem Shetland-Dialekt bezeichnet: Neben Hellgrau, Grau, Weiß, Schwarz, Dunkelbraun und Rehbraun gibt es die Farben Emsket (Altbläulichgrau), Musket (Hellgraubraun), Shaela (dunkles Stahlgrau), Moorit (Rotbraun) und Mioget (Honigfarben).
Shetland Wollwoche: Mekka für Strickbegeisterte
Die Shetland Wollwoche gibt es seit 15 Jahren. Sie ist ein weltweit bekanntes Fest zu Ehren des Shetland Schafs, der Textilindustrie und der Landwirtschaft auf diesen Inseln. Es ist auch der Gründung der Shetland Wollwoche zu verdanken, dass die Wolle der Shetlandschafe wieder an Bedeutung gewinnt.
Das jeweils im Herbst stattfindende Strick- und Textilfestival gilt als Mekka für Strickbegeisterte. Die Besucher und (vor allem) Besucherinnen kommen aus der ganzen Welt. Eine Woche lang dreht sich in rund 400 Vorträgen, Ausstellungen, Führungen und Kursen alles um die Wolle und ihre Verarbeitung.
Die Spinnerei in Sandnes öffnet die Türen, Wollmakler und Wollsortierer geben Einblick in ihre Tätigkeit und maschinelles und traditionelles Strickhandwerk werden vorgestellt. Dabei sind bekannte heimische und internationale Größen vor Ort, darunter etwa Hazel Tindall, die aus Shetland stammt und mit 255 Maschen in drei Minuten als die schnellste Strickerin der Welt gilt. Für die Pflege von Woll- und Filzprodukten gibt es praktische Hinweise unter Mehr zum Thema Filz und Wolle richtig pflegen.
Traumpreise für Schafvliese
Zusammen mit ihrer Mutter ist Anne Doull auch Mitglied in der shetländischen Gilde des Strick- und Weberhandwerks. Nebenbei arbeitet Familie Doull sehr engagiert mit der Shetland Flock Book Society, einem Verein, der sich um den Erhalt und die Förderung reinrassiger Shetlandschafe kümmert, zusammen. Auf die langjährige Expertise der Doulls wird gerne zurückgegriffen und sie werden häufig auf Veranstaltungen in ganz Großbritannien eingeladen, um Shetlandschafe und Shetlandwolle zu beurteilen.
Immer wieder räumen die Schafe und Vliese von Familie Doull auf den Landwirtschaftsschauen Preise ab. Bei der letzten Shetland Wollwoche hatte Familie Doull die Schirmherrschaft für die Veranstaltung als Anerkennung für ihre Arbeit bekommen. Vater Addie freut sich vor allem, dass Schurwolle von Shetlandschafen inzwischen einen guten Preis hat.
Zurzeit gibt es fünf Pfund (sechs Euro) pro Vlies – ein Traumpreis, ist man woanders in Großbritannien doch schon zufrieden, wenn 40 Pence (0,48 Euro) pro Vlies bezahlt werden. Wer sich dafür interessiert, wie sich mit hochwertigen Rohwollvliesen bessere Erlöse erzielen lassen, findet Hintergrundwissen unter Mehr zum Thema schönes Vlies und besserer Preis. Neben Anne leben auch ihre Brüder Neil und Ewan mit ihren Familien auf der Islesburgh Farm.
Alan, der dritte Bruder, hat mit seiner Frau den kleinen Hof, von dem seine Mutter Margaret stammt, im Westen der Insel übernommen. Alle vier Geschwister betreiben Landwirtschaft und Schafhaltung im Nebenerwerb. Neil arbeitet als Lkw-Fahrer, Anne, Ewan und Alan in der Ölindustrie: Sullom Voe, das größte Ölterminal Europas, liegt nämlich nur 15 km von der Isleburgh Farm entfernt.
Schafbäuerin als Designerin
Im gemütlichen Wohnzimmer serviert Anne Kekse sowie Schwarztee mit Milch und holt dann ihre Stricksachen. Eine Aufgabe der Schirmherren der Shetland Wollwoche ist es, ein Strickwerk zu entwerfen. „Zum ersten Mal in der Geschichte der Wollwoche durfte das eine Landwirtin machen“, berichtet Anne Doull stolz.
Ihre Vorgänger waren Designer oder bekannte Strickerinnen, oft mit einem eigenen Studio oder Laden, manche hielten auch ein paar Schafe. „Keine von ihnen betrieb jedoch Schafhaltung im großen Stil, so wie wir es tun. Doch ohne uns größere Betriebe gäbe es sicher nicht genug Schafwolle zum Stricken“, meint Anne.
2023 wurden rund 300.000 Schafe auf den Shetlandinseln gezählt, das sind 13 Mal mehr Schafe als Menschen. Anne Doull entwarf für die diesjährige Wollwoche eine Mütze aus Shetlandwolle, die sie nach ihrem Hof „Islesburgh Toorie“ benannte. Mit ihrem Muster wollte sie das Shetlandschaf ins Rampenlicht rücken.
Es zeigt unter anderem das Motiv eines Widders. Bei der Auswahl der Farben ließ sie sich vom vielfarbigen Shetlandschaf und den mit lila Heidekraut bewachsenen Hügeln um ihren Hof inspirieren. Sechs Monate vor Beginn der Wollwoche konnte die Strickanleitung im Internet heruntergeladen oder ein Strickset samt Wolle im legendären Wollhandel von Jamieson & Smith in Lerwick gekauft oder online bestellt werden.
Traditionell reisen die Teilnehmer dann mit ihren selbstgestrickten Werken zur Wollwoche an. In diesem Jahr war es für Anne Doull ein besonders bewegender Anblick, so viele Menschen aus aller Welt anzutreffen, die Wollmützen mit ihrem Design trugen.
Was dieser Artikel noch bereit hält:
- Islesburgh Farm: Schafe, Shetlandrinder und Weideland
- Shetlandwolle: Farben, Muster und Dialekt-Bezeichnungen
- Shetland Wollwoche: Mekka für Strickbegeisterte
- Schafvliese, Wollpreise und Design aus der Landwirtschaft
- Islesburgh Toorie: Wenn eine Schafbäuerin zur Designerin wird

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