
Fasnacht, Fasching oder doch Karneval? Für das närrische Treiben, das am Anfang eines jeden neuen Jahres lautstark und bunt zelebriert wird, gibt es viele Begriffe. In Tirol geht es ohrenbetäubend laut und sehr schrill zu, wenn man in den Tagen vor dem Aschermittwoch „in die Fasnacht geht“. Dann stehen alljährlich tausende Menschen im Banne der Spiegeltuxer, Muller und Zottler, der Scheller und Roller, der Hexen, des Panzenaffs und der Bärentreiber, der Sackner und der Kübelemajen, der Schleicher und der Wampeler – und wie die seltsam-schönen, grotesk-wilden Gestalten der Tiroler Fasnacht sonst alle heißen. Charakteristisch für die Tiroler Fasnacht sind die beeindruckenden Masken und Kostüme, die oft handgefertigt und sehr detailreich sind. Diese Kostüme stellen verschiedene traditionelle Figuren dar und manchmal liegt den Figuren eine wahre Geschichte, die im Laufe der Jahrzehnte zur Legende wurde, zugrunde. So eine Figur wird zur Fasnacht in der Marktgemeinde Zirl zum Leben erweckt: der Zirler Goasser.
Der Zirler Goasser
Zirl befindet sich am südwestlichen Ende des Karwendelgebirges etwa zehn Kilometer westlich von Innsbruck im Inntal am Südostfuß des Zirler Bergs. Wie in vielen Tiroler Gemeinden spielte die Ziege eine zentrale Rolle für das Überleben kleiner Bauern und ärmerer Familien. Es hat in zahlreichen Gemeinden Ziegenhirten gegeben, aber der „Zirler Goasser“ ist in die Erzähltradition eingegangen. Um Franz Riedl, genannt „Warbler“, den letzten Zirler Goasser, ranken sich so manche Geschichten und er wurde im Laufe der Jahre zu einer Legende. Franz (1886–1968) war ein Sonderling, der jeden Tag in der Früh mit seinem Horn die „Goass“ zusammengerufen hat, um sie auf die Weide zu führen. Einige können sich in Zirl noch an sein wettergegerbtes Gesicht und seine schalkhaften Augen erinnern. Der „Zirler Goasser“ ist nicht nur ein Bestandteil der Zirler Geschichte, er ist auch weit über die Grenzen von Zirl hinaus ein Begriff, und sein Zitat „Ja nocha hiat i enk nimma“, wird heute noch umgangssprachlich verwendet.
Brauchtumsgruppe „Zirler Goass“
25 Jahre ist es her, dass Robert Neuner, vulgo Hölblig, Musiker, Maler und begeisterter Maschgerer sowie Verfechter der alten Traditionen, die Brauchtumsgruppe „Zirler Goass“ initiierte. „Jeder weiß, was eine Goass (Ziege) für ein hintertückisches Vieh ist, und dieses Verhalten spielt die Gruppe ‚Zirler Goass‘ nach“, schmunzelt der Gründer, der selbst in der Figur des „Altbock“ mitwirkt. Robert Neuner nahm die alten Geschichten rund um den „Zirler Goasser“ und die „Zirler Goass“ als Grundlage für eine Fasnachtsgruppe. „Jeder kennt die Mär vom Zirler Goasser. So war es naheliegend, ihn ins Zirler Fasnachtsbrauchtum zu integrieren. Inzwischen ist unsere Gruppe aus der Fasnacht nicht mehr wegzudenken“, so Robert Neuner. Alle Masken, die „Larven“, sind handgeschnitzt. „Es war wichtig, dass die verschiedenen Charaktere der Figuren schon beim Schnitzen herausgearbeitet wurden“, so Neuner. Man sei bis nach Garmisch gefahren, um einen Schnitzer dafür zu finden.
Die Fasnachtsfiguren
Die Figur des „Zirler Goasser“ ist eine eigenständige Figur, die bis ins kleinste Detail dem letzten Zirler Goasser nachempfunden ist. Selbst die Tatsache, dass dieser nur einen Arm hatte, wird dargestellt. Der Legende nach soll er beim Wildern angeschossen worden sein. Da er kein Vertrauen in Ärzte gehabt haben soll und die Schusswunde daher unbehandelt zu einer schweren Infektion führte, hat sich Franz Riedl angeblich den Arm einfach abgehackt. Zur Figur gehört ein lebender Ziegenbock, der auch immer wieder mit seinem typischen Duft für Aufsehen sorgt. Dem Zirler Goasser wird ein „Hüatabua“ (ein Hirtenjunge) zur Seite gestellt, der mit seiner Ziehharmonika den Auftritt der Brauchtumsgruppe musikalisch begleitet. Nicht fehlen darf die immer schwangere „Goassmuatter“ mit Kinderwagen, die vom Altbock, dem Goassvater, bedrängt wird. Die Goass, gekleidet in Dirndl und Kopftuch, und die Böcke in Lederhosen und Stutzen komplettieren die Gruppe. Mit einem Bändertanz der Goass und Schuhplattler-Einlagen lassen sie die Tradition des Volkstanzes und der Volksmusik aufleben.
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