AgrarpolitikFörderpolitik ist wie Drogenpolitik

Förderpolitik ist wie Drogenpolitik

Von Hans MEISTER und Roman GOLDBERGER

LANDWIRT: Herr Liegenfeld, Sie waren jetzt vier Jahre lang Agrarlandesrat im Burgenland und schieden nach der Landtagswahl 2015 aus. Wie sehr trifft Sie das?

Andreas Liegenfeld: Gar nicht. Ich bin Demokrat, und in der Politik muss man demokratische Entscheidungen zur Kenntnis nehmen. Leute, die von der Wirtschaft kommen und jederzeit dort wieder zurückkehren können, können damit besser umgehen. Ganz zurückgezogen habe ich mich ja nicht. Ich habe die Verantwortung für den Burgenländischen Weinbau und zum Teil auch für den österreichischen. Da ist das Netzwerk, das ich mir aufgebaut habe, kein Nachteil.

Worin sieht man Ihre Handschrift nach vier Jahren Agrarlandesrat?

Ich habe bei meiner Angelobungsrede den Spruch ,Herkunft hat Zukunft’ verwendet und damit gemeint, dass wir regionale Produkte viel mehr stärken müssen. Diese Regionaloffensive habe ich während meiner Amtszeit durchgezogen. Ich sehe Regionalität als die einzige Chance, mit der sich Österreichs Agrarwirtschaft in Zukunft behaupten kann. So können wir nachhaltig für unsere Produkte gute Preise erzielen.

Regionalität hin oder her, Tierhaltungsbetriebe spüren von diesen guten Preisen derzeit aber nichts.

Weil es in der Tierhaltung kaum Marken gibt. Wenn wir beispielsweise im Schweinebereich unsere Zukunft in der Mengenproduktion sehen, dann werden wir schnell bemerken, dass es in Europa andere gibt, die effizienter und größer sind, sprich einfach bessere Vo – raussetzungen haben. Wir brauchen im Fleischbereich eine viel stärkere Ausrichtung auf Marken, auf Regionalität.

In der Hoffnung, dass der Konsument diese teureren Marken dann auch kauft.

Davon bin ich überzeugt. Wie sieht eine Speisekarte in 15 Jahren aus? Ich denke, wie eine Weinkarte. Das Wiener Schnitzel ist vom Huberbauer oder zumindest von einer bestimmten Markengemeinschaft. Erste Trends in diese Richtung findet man schon.

Viele Bauern fühlen sich gerade von der Agrarpolitik im Stich gelassen. Fehlen den Politikern die nötigen Visionen?

Das kann ich nicht beurteilen, ich bin ja nicht mehr im politischen Tagesgeschäft. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Lebensmittelmarkt in Zukunft in zwei Kategorien unterteilen wird. Das sind die globalen Nahrungsmittel zum einen und die regionalen Lebensmittel zum anderen. Die Agrarpolitik hat es in den letzten Jahren verabsäumt, die Regionalität stärker hervorzuheben. Aber auch die Bauern haben sich schwer mit der Vermarktung getan. Da sind sie oft nicht die Könner, das lernt man auch in der Schule nicht.

Als Weinbauer haben Sie natürlich leicht reden.

Auch im Weinbau mussten wir lernen. Mein Vater hat noch alle Trauben im Herbst zur Winzergenossenschaft gebracht. Den Weinbauern war damals egal, was dann damit passiert ist. Das Geld musste ausbezahlt werden. Der Bezug zum Produkt war nicht da. In der Zwischenzeit haben wir aber erkannt, dass wir ein Alleinstellungsmerkmal brauchen und nicht über den Faktor Menge konkurrenzfähig sind. Seither gibt es Markenweine und Bauern, die die Vermarktung selbst in die Hand nehmen. Das wäre auch auf viele Projekte in der Tierhaltung oder im Getreidebau umzulegen.

Sie hatten als Landesrat eine Reihe an zusätzlichen Aufgabengebieten neben den Agraragenden. Zeigt dies, dass ein Landesrat mit agrarischen Fragen nicht ausgelastet ist?

Mein Ressort war sicherlich nur zu einem Drittel mit agrarischen Fragen befasst. Das GAP-Programm wird noch leicht auf regionale Vorgaben adaptiert und das war’s. Wenn der Landen läuft, ist man dort politisch nicht mehr die wichtigste Person. Die zweite Aufgabe des Agrarlandesrats ist, diese klassische nationale Agrarpolitik mit einer gewissen Handschrift auszustatten. Dazu braucht man Hirnschmalz, Kraft und Geld.

Was meinen Sie damit?

Da gibt es viele kleine Projekte, die den einzelnen Bauern viel gebracht haben. Bis 2018 werden zum Beispiel 80 Prozent der Marillen in Spar-Geschäften aus dem Burgenland kom – men. Wir haben dazu Betriebe gesucht, die insgesamt 40 Hektar Marillengärten haben. Das war sehr schwierig. Die Vermarktung des eigenen Produkts und die Identifikation damit muss noch gesteigert werden.

Das hat die Politik in den letzten Jahren aber nicht gefördert oder?

Geschlafen hat sie. Wir haben unsere Bauern zu Förderungsoptimierern hin erzogen und nicht zu Qualitätsoptimierern. Förderpolitik ist wie Drogenpolitik. Wenn ich die Dosis reduziere, wird der Proband unrund. Damit entwickle ich eine gewisse Abhängigkeit und der Bezug zum Produkt geht verloren. Jeder zweite Milchbauer müsste den Käse seiner Molkerei in der regionalen Gastronomie anbieten. Vor jedem Stall gehört eine Fahne aufgehängt, damit ich gleich weiß, wer hier was erzeugt.

Trotzdem drängt sich der Eindruck auf, man könnte auf Agrarlandesräte verzichten. Wozu brauchen wir in Österreich acht davon?

Damit die regionalen Probleme erkannt werden und die Rahmenbedingungen für die Landwirte an diese regionalen Besonderheiten angepasst werden. Ansonsten wäre doch schon längst jemand aus dem Landwirtschaftsministerium drübergefahren. Ich muss für meine regionalen Gegebenheiten auch kämpfen.

Dafür gibt es ja die Landwirtschaftskammer.

Die Landwirtschaftskammer ist für mich eine klassische Interessensvertretung, die nicht so sehr in diese politischen Bereiche eindringt. Die Landwirtschaftskammer kann viel schärfer formulieren, weil sie gesamtpolitisch nicht diese Verantwortung trägt wie ein Landesrat. Es ist ja auch nicht so, dass wir von einer Arbeiterkammer erwarten, dass sie Arbeitsmarktpolitik macht.

„Ich sehe Regionalität als die einzige Chance, mit der sich Österreichs Agrarwirtschaft in Zukunft behaupten kann.“